Ein gewaltiges Projekt bahnte sich für die Meßspezialisten der Firma Korupp mit Sitz in Twist im Emsland an- eine Intensivmessung zweier parallell verlaufender Gasversorgungsleitungen vom Festland zur größten Ostfriesischen Nordseeinsel Borkum. Beide Trassen hatten eine Länge von je 23 km und für uns alle, die wir an diesem aufwändigen Unternehmen beteiligt waren, begann der Einstieg für dieses Mammutprojekt zwischen dem Manslagter Nacken und dem Greetsieler Nacken ganz in der Nähe des Pilsumer Leuchtturms. Die Firmenleitung der Firma Korupp sprach mir das Vertrauen aus und so war ich von nun an ständiger Begleiter der wechselnden Meßtrupps und für die Sicherheit und Planung, für Watt spezifische Fragen und für die Abmarsch- und Rückwegezeiten zuständig und verantwortlich.

Bei den Intensivmessungen wird geprüft, ob sich an der Umhüllung der Rohrleitung größere Fehlstellen (mechanische Beschädigungen) befinden und daß das erforderliche Schutzpotential, das eine Korrosion an der Stahlleitung in diesem Bereich verhindert, ausreichend ist.


Ein riesiges Wattgebiet mit unzähligen Prielen, Schlickfeldern, massiven Schlickbänken, Austernriffen mit gigantischen Ausmaßen und gewaltigen mäandernden Ausläufern der Osterems und des Evermannsgat war auch für mich gänzlich unbekanntes Terrain und dies bereitete mir von Anfang an großes Grübeln und Kopfzerbrechen. Aber ich traute es mir zu, dieses weitläufige und mit einer immensen Ausdehnung, noch von niemandem zu Fuß begangene Watt, zu betreten und intensiv kennen zu lernen. Wichtig war für mich, dass jeder einzelne im Meßteam von Beginn an Vertrauen in mich hatte und dass sich jeder ganz auf mich verlassen konnte.

Nach ausgiebigem Studium der Seekarte für das betreffende Wattgebiet, exakten Beobachtungen und Berechnungen des auf- und ablaufenden Wassers inclusive der zur Verfügung stehenden Zeittoleranzen standen wir früh an einem trüben Morgen Anfang Mai, gut 3 Stunden vor Niedrigwasser, etwas abseits des Pilsumer Leuchtturmes an der Wattkante. Ein extrem fauliger Geruch nach Verwesung und Schwefelwasserstoff ließ mich nichts Gutes erahnen und dies sollte sich auch bewahrheiten.

Als Transportmittel für das umfangreiche Equipment- Meßgeräte, Kabeltrommeln und Kabelrollen, Holzpflöcke zum fixieren der Kabel und vieles andere mehr- standen uns ein Wattmobil mit übergroßen Gummirädern und ein Schlauchboot zur Verfügung. Diese beiden Transportmittel bewährten sich während der lange währenden Arbeiten in Schlick, auf Sand und in Wasser führenden Prielen.

   
Unsere GPS- Spezialisten.

Das Pilsumer Wattgebiet war für uns alle wahrlich kein Zucker schlecken. Von der Wattkante bis zu einem Nebenarm der Osterems wartete Knie tiefer, penetrant stinkender, zäher Schlick auf uns und schon der Einstieg unterhalb des Deckwerkes ließ uns zweifeln, hier überhaupt vorwärts zu kommen. So kämpften und schufteten wir Tag für Tag, wurden von Regengüssen durchnäßt, von extremer Sonneneinstrahlung gepeinigt, von Gewittern überrascht und jeder machte sich in solchen Situationen ernsthafte Gedanken, ob denn das Projekt im gesteckten Zeitrahmen abgeschlossen werden konnte. Wir zogen, schoben und schwitzten, zerrten und fluchten, und wenn dann die Tagesetappe geschafft war, dann waren wir alle einfach nur ausgepumpt und kaputt. Aber es mußte gehen- und es ging! Eine Ausweichmöglichkeit gab es nicht. Uns blieb gar nichts anderes übrig, als den Gastrassen zu folgen. Die Meßstrecken, die wir am Vortag geschafft hatten, mußten tags darauf wieder zurück gelegt werden bis zum letzten Meßpunkt. Und so wurden die Hin- und Rückwege immer länger und schon der Hinweg mit schwerem Arbeitsgerät im Schlepptau brachte uns gehörig ins Schwitzen und forderte von allen ganzen Einsatz. Zwei an den Zugseilen, zwei, die hinten an der Querstange das Wattmobil schoben und Roel oder Patrick, unsere GPS- Spezialisten vorne weg- so setzte sich täglich die Schlickkaravane in Bewegung. Und wie wir anschließend aussahen, kann sich jeder ausmalen, der einmal im Schlick gesuhlt hat.


Aber dann kam der Tag, an dem es nicht mehr weiter ging. Etwa 300 Meter vor einem Seitenarm der Osterems wurde der Schlick so tief und massiv, daß ein Weitergehen nicht mehr zu verantworten war und ich brach die Meßarbeiten an diesem Punkt ab. Über Funk hatten wir bei Kapitän Roy, der mit dem "Island Panther" in der Osterems vor Anker lag, das Boot bestellt, das uns, wenn wir diesen Wasserarm erreichen würden, an abgemachter Stelle abholen sollte. Das Boot lag in Sichtweite vor uns im Fahrwasser, aber für uns unerreichbar. Es gab für uns kein Weiterkommen mehr. Wir hatten fest eingeplant, die gesamte Strecke von über 3 Kilometer an diesem Tag nur einmal zu bewältigen, aber jetzt war der Moment gekommen wo uns bewußt wurde- wir mußten wieder den Rückweg antreten. Diese Tatsache war eine unserer größten Enttäuschungen während des gesamten Projektes. Wir musterten uns gegenseitig und jeder sah in den Augen des anderen, was sich nach der Schinderei bis zu diesem nicht Weiterkommen im Kopf vom Gegenüber abspielte. Wortlos drehten wir um und funkten unserem Bootsmann, dass er ohne uns zum "Island Panther" zurück fahren mußte. Der Rückweg wurde zu einem Wettlauf mit dem auflaufenden Wasser, aber bei der Vorausplanung hatte ich auch die Möglichkeit des Nichtgelingens mit einkalkuliert, und so erreichten wir in Oberschenkel tiefem Wasser das Deckwerk an Land und waren trotz dieses gewaltigen Schlickmarsches und großer Enttäuschung zufrieden, kaputt und einfach nur reif für die Insel.


Als die Arbeiten von Land aus nicht mehr machbar und beendet waren, kam das Offshore- Schiff "Island Panther" zum Einsatz. Dieser 17 Meter lange Katamaran verfügt über ein Wasserstrahl angetriebenes Turbinensystem mit je 750 PS und erreicht bei voller Leistung eine Geschwindigkeit von 25 Knoten. Der Liegeplatz dieses PS- Giganten war Leysiel unmittelbar hinter der Seeschleuse. Von hier aus starteten wir nun fast täglich mit der irischen Crew in unser Einsatzgebiet rund um die Osterems und das Evermannsgat. Roy, der Kapitän und die Bootsmänner Jonny und Nick machten einen tollen Job und wir hatten schon nach kurzer Zeit das Gefühl, eine große, gut harmonierende Familie zu sein. Alles wurde intensiv besprochen und die Pläne für den jeweiligen Einsatz genauestens geschmiedet.

   

Die Sicherheit an Bord hatte Priorität, denn täglich mußte das umfangreiche Equipment im Boot verladen werden, so, dass auch die Mannschaft genug und sicheren Platz fand. Wenn alles verstaut war, dann ließ Jonny den Außenborder aufheulen und ab gings zu einer manchmal ruhigen, aber oft genug auch zu einer unruhigen Fahrt in aufgewühlter See ins Einsatzgebiet. Über GPS- Peilung konnten wir trotz Meter hohen Wasserstandes präzise die Gasleitung und den letzten, markierten Meßpunkt lokalisieren.

   

Der "Island Panther" lag während der Meßarbeiten, die wir von der Osterems oder dem Evermannsgat aus starteten, auf Seeposition- für uns immer ein vertrauter, weißer Punkt in weiter Ferne und doch ein Anker für unsere Sicherheit. Die Anfahrten mit dem Schlauchboot zum Einsatzgebiet dauerten zwischen 30 und 40 Minuten und manch eine Fahrt wurde zu einem wilden Ritt auf weißen Wellenkämmen. Vor Ort angekommen, mußten wir erst einmal vom Boot aus die Wassertiefe ausloten, um beim Ausstieg sicheren Grund unter den Füßen zu haben.

   

Dann begann das Warten, bis das ablaufende Wasser endlich die Wattflächen frei gab. Mancher Morgen bescherte uns Wassertemperaturen, die bei den zum Teil langen Wartezeiten in bauchtiefem Wasser Gänsehaut erzeugten. Da Jonny mit seinem Außenborder nicht unmittelbar die Sandbänke ansteuern konnte, setzte er uns meist 2,5 bis 3 Stunden vor Niedrigwasser in tiefer verlaufenden Prielen ab, damit die Schraube seines Bootsmotors sich nicht im Sand festbiß und dabei beschädigt wurde.


Die Wattflächen südlich der Westerbalje und des Evermannsgat bereiteten uns sehr viel Kopfzerbrechen. Gigantische Austernbänke links, rechts und über den verlaufenden Leitungen, bis zu 100 Meter breite, extrem schnell fließende Priele, die sich um die Bänke schlängelten und deren Prielbetten massiv verschlickt waren, tiefe Auskolkungen entlang der Riffufer, auf die wir ganz besonders achten mußten, dann wieder Priele mit Wassertiefen, die uns mehrere Male zur Umkehr zwangen und uns veranlaßten, neue Übergänge zu suchen. Diese Wattenlandschaft, in der wir uns verloren vorkamen, hatte nichts Irdisches mehr- sie schien in ihrer ganzen Entrücktheit ein in sich geschlossener Kosmos zu sein- unwirklich, abweisend und lebensfeindlich.

   

Wir kämpften förmlich um jeden zu messenden Meter, halfen uns gegenseitig aus den nach Schwefelwasserstoff stinkenden Schlicklöchern und am Tagesende waren wir stolz, wieder ein kleines Teilstück unter größtem Kraftaufwand geschafft zu haben. Sehr oft ging der Blick sehnsüchtig Richtung Borkum, unserem Ziel. Aber alle im Team hatten das Gefühl, dass sich die Insel, obwohl zum Greifen nahe, je mehr wir uns ihr näherten, von uns entfernen würde. An klaren Tagen schien sie wie eine Fata Morgana am westlichen Horizont zu schweben.



   
Messungen auf Sandwatt- Entschädigung für manche Schweißperle, die uns das Schlickwatt abverlangt hat.

Aber es gab auch Tage, an denen die Schinderei der Vortage entschädigt wurde von wunderbar festen Sandwattflächen, auf denen es eine Freude war, zu messen, und das zeigte sich dann auch an den zurück gelegten Meßdistanzen.

Westlich der Osterems, schon auf der Borkumer Seite, haben mit den Jahren riesige Austernriffe ein Territorium besetzt , dessen Ausmaße auch mir gigantisch erschienen. Solche exzentrischen Geschöpfe , in Blöcken zu Meter hohen Schichten gewachsen, hatte ich in einer so massiven Ansammlung noch nie gesehen. Es sind Austernriffe, die über das mittlere Tideniedrigwasser zum Teil über 2 Meter nach oben ausgeufert sind. Milliarden dieser Schalentiere haben sich festzementiert, filtern und überschwemmen das Gebiet mit Unmengen von Schwemmstoffen, die sich zu riesigen Schlickbänken entwickelt haben. Hier stießen wir mehrere Male an unsere Grenzen und es blieb uns nichts anderes übrig, als die Meßarbeiten abzubrechen, den letzten Meßpunkt zu markieren und einzuspeichern.

       
Schlickabschnitte, in denen die Natur sich uns gegen über unbarmherzig zeigte!

Viel Mühe und Schweiß bei hochsommerlichen Temperaturen haben diese Schlicketappen von uns allen gefordert. Hier zeigte uns die Natur ihre Grenzen auf. Es mußte also wieder ein anderer, sicherer Übergang gesucht werden, um Anschluß an die letzte Markierung zu haben. Mit dem Boot suchten wir neue Wasserwege, um möglichst nahe an die Abbruchstelle zu gelangen. Wir gingen verschlungene Wege, durchquerten Brust tiefe Wasserläufe- immer im Schlepptau das voll beladene Wattmobil.


Das gesamte Arbeitsgerät wird ausgeladen und im Wattmobil verstaut

       
Roel, Benjamin, Olli, Martin und Christian bauen eine Meßstation auf- ein schwieriges Vorhaben!

Während der mehr als eine Stunde dauernden Anfahrt mit dem Katameran zu den Ankerplätzen im Evermannsgat oder in der Osterems erlebten wir manch stürmische und aufgewühlte See mit Windgeschwindigkeiten von über 20 Knoten. Dann war auch der Einsatz mit dem Schlauchboot nicht mehr möglich und Bootsmann Jonny brach seine Testfahrten vorzeitig ab. Jonny der Ire war immer auf große Sicherheit bedacht, ob auf der Hinfahrt zum Meßgebiet oder auf der Rückfahrt, wenn die Arbeiten abgeschlossen waren und das ganze Arbeitsgerät im Bootsbauch verstaut war. War er allein mit seinem Boot unterwegs, dann bäumte sich sein "Spielgerät" auf wie ein wild gewordenes Pferd und man konnte sehen, mit welch großer Freude und Sicherheit er sein Arbeitsgerät beherrschte.



In diesen 4 Monaten intensiver Arbeit gab es auch Momente und Situationen, wo nicht alles glatt ablief und wo uns bewußt wurde, dass schon kleine, nicht eingeplante Begebenheiten in diesem fast grenzenlosen Wattgebiet Gefahrensituationen herauf beschwören konnten. Einmal schlitzte uns eine Austernschale einen Gummireifen von unserem Wattmobil auf, fast 3 Kilometer vom Zielpunkt im Evermannsgat entfernt und der Rückweg dahin war eine einzige Qual, da wir das voll beladene Wattmobil , mit einer Stange fixiert, tragen mußten. Als wir endlich am Treffpunkt ankamen- Jonny wartete schon auf uns- war außer einer riesigen Wasserfläche um uns herum nichts mehr sichtbar. Das war wahrlich eine "Punktlandung"!



Ja, und dann gabe es eines Abends ein Ereignis, das den einen oder anderen unter uns nachdenklich stimmte. Wir hatten die Meßarbeiten beendet, befanden uns auf dem Rückweg zum Evermannsgat, wo uns Bootsmann Jonny an ausgemachter Stelle wieder abholen sollte. Über Funk hatten wir ihn verständigt und auch das OK von ihm erhalten. Wir sahen, wie sich das Boot vom "Island Panther" absetzte, aber nach kurzer Fahrt liegen blieb. Wir versuchten, ihn über Funk zu erreichen, aber am anderen Ende herrschte zunächst Funkstille. Nach geraumer Zeit- das Wasser hatte um uns herum längst alles geflutet und uns blieb nur noch eine kleine Sandbank als Rückzugsanker- kam von Jonny die Nachricht, dass der Bootsmotor streiken würde.

   

Nun, das war eine klare Ansage und ich stellte mich schon auf die zwei verbleibenden Notsituationen ein- Seenotretter von Borkum oder Luftrettung mit dem Hubschrauber. Auch unsere Sandbank verschwand in den Fluten und das Wasser stieg uns langsam bis zu den Hüften. Ich war eben im Begriff, Rettung anzufordern, als der erlösende Funkspruch kam, daß der Motor repariert und Jonny auf dem Weg zu uns war. Nach 20 Minuten hatte er uns erreicht, wahrlich im letzten Moment, und wir waren erleichtert, als wir uns auf den Bootsrand stemmen und ins Boot fallen lassen konnten. Die zweite "Punktlandung" während der vier Monate, die wir im Wattgebiet zwischen der Festlandküste und Borkum tätig waren. In solchen Situationen merkt man erst, wie klein und verletzbar wir Menschen sind. Aber ich konnte die Jungs beruhigen, was in solchen außergewöhnlichen Momenten das Wichtigste ist, denn Panik wäre hier fehl am Platz.

       
Messung auf Sand...                                                             ...im Schlick...                                                             ...im Wasser!

So gingen die Wochen dahin und nach rund vier Monaten konzentrierter Arbeit in Schlick, Sand und Wasser standen wir an einem klaren, lauen Sommertag nur noch einen Steinwurf weit von unserem Ziel entfernt- der Nordseeinsel Borkum! Ein kleiner Anflug von Stolz und Glücksgefühl machte sich bei uns breit, aber uns wurde auch bewußt, daß wir nach so langer Zeit der Zusammenarbeit und des Zusammenwachsens Abschied nehmen mußten.

       
Der "Island Panther" am Liegeplatz...                                     Rückkehr aus dem Meßgebiet...                                           ...an Bord des "Panther"

Wir haben das Borkumer Watt als einen ungezähmten marinen Lebensraum kennen gelernt, wir haben seinen ungestümen Rhythmus am eigenen Leib erfahren und ertragen müssen, und wir haben zusammen allen Widrigkeiten und naturellen Abläufen getrotzt. Alle haben gesund dieses gewaltige Projekt beendet und daher gilt mein Dank jedem Einzelnen des Teams- ihr seid tolle Kumpel, Freunde und Weggefährten in diesen Monaten voll intensiver Arbeit gewesen.

   
Dank an Roel, Christian, Patrick, Martin, Leo, Benjamin, Markus, Fabian, Samy, Olli und Jürgen!


Morgens um 5 Uhr passieren wir die Leysieler Hafenausfahrt.